Ich muß hier auf 2 Jahre zurück greifen; nämlich auf die Zeit, wo Frau Pauline von Nagel bei ihrem Vater in ? u. Karlsruhe und Baden-Baden wohnte. Im Herbst 1859 brachte ich Herrn Osterloff das für ihn in St. Petersburg einkassierte Geld und seinen Pudelhund "Apollo", den er mir schon in Petersburg in Aufbewahrung gegeben hatte. Mit seiner Tochter war ich ebenfalls schon 2 Jahre in brieflichen Verkehr gestanden und aus diesem die Erwägung entstanden: Ob wir beide nicht in persönlich nähere Beziehungen treten wollten? Im November 1860 erhielt ich einen Brief v. Frau v. Nagel, worin sie mitteilte, daß ihr Vater ihr 12,000 R.S. zur Verfügung gestellt, und dabei seinen Wunsch geäußert: sie solle sich, nach eigner Wahl, lieber wieder verheiraten, damit sie nicht so allein und verlassen dastehe! Sie bat mich brieflich um Rat, was sie tun solle und ließ durchblicken, daß, wenn ich mich wolle verheiraten, ich weder bei ihrem Vater, noch bei ihr, wie ich wohl wisse, eine abschlägige Antwort zu erwarten hätte.
Ich teilte den Inhalt des Briefes meinem Bruder Johann und seiner Frau mit, und sagte ihnen: daß ich überhaupt nicht heiraten wolle und zwar desshalb, weil ein jahrelanger Wunsch nicht in Erfüllung gegangen sei und ich auch jetzt zu alt sei. Sei kein Tor, sagten sie; Du bist noch nicht zu alt; denn Heiraten, die in dem Alter geschlossen werden, seien erfahrungsgemäß die glücklichsten geworden, weil sie nicht in jugendlichen Übermut, sondern mit reifem Verstand und Überlegung geschlossen wurden. Überdies sei Frau v. Nagel eine sehr angenehme und hübsche Frau, was wir beide bestätigen können, und erfahren haben, als sie uns vor 3 Jahren besuchte und wir gemeinsam einige weitere Spazierfahrten machten. Du, lieber Bruder, bist höchstens 2 Jahre älter als Frau v. Nagel, aber was von allen die Hauptsache ist, ist: daß sie ein schönes Vermögen mitbringt, welches bei der jetzigen Zeit nicht so leicht zu erwerben ist! Ich konnte bei so warmer Verdeutigung nicht viel entgegnen und nach reiflicher Erwägung schrieb ich nach einigen Tagen Folgendes:
"Liebe Frau v. Nagel! Herzlichsten Dank für Ihr liebevolles Vertrauen u. Ihr festes Zutrauen womit Sie mich beehren. Ich will nun dieses erwidern und zuerst anraten, sobald Ihr Vater Ihnen die Summe Geld einhändigt, geben Sie es einem sichern Bankhaus in Verwahrung, aber ja nicht in ein russisches. Den Hauptpunkt wollen wir lieber unter vier Augen und unter uns besprechen! Ich bin nämlich willens, die Schweiz mal zu sehen, werde im Januar nächstes Jahr abreisen; von dort werde ich mir erlauben zu schreiben und anzufragen, wann wir beide wollen bei Ihrem Herrn Vater zusammen treffen. Ich hoffe umgehend auf eine für uns beide Freude bringende Antwort."
Zwei Tage darauf erhielt ich folgende Depesche: "Einverstanden P.v.N."
Ende Januar 1861 reiste ich über Coburg, Bamberg, Friedrichshafen und von da per Dampfschiff nach Constanz, wo ich länger Zeit bleiben mußte, wegen den dichtesten Nebelwetter. Trotzdem benutzte ich die Zeit; besichtigte den Consiliumssaal; die Insel Mainau; Schloß Arenenberg; per Schlitten das Thurtal und nahm auch einen Tag Teil an der Jagd, der Constanzer Jagdgesellschaft.
Da der Nebel aber nicht verging, reiste ich nach Zürich, glaubte dort heitere Witterung anzutreffen; leider war der Nebel ebenso dicht. Daher entschloß ich mich nach einigen Tagen, bei meiner Frau Braut in Karlsruhe u. bei ihrem Vater in Freiburg anzufragen, ob ihnen mein Besuch angenehm sei und an welchem Tag ich mich ihnen vorstellen könne? Darauf erhielt ich zur Antwort: "Wir werden Sie am 4ten März erwarten. Ich traf natürlich pünktlich ein, wurde am Bahnhof erwartet, zu ihrer Wohnung im Gasthof "Zum Pfauen" geführt und nach Erwähnung meines vieljährigen Verkehrs bei ihnen und bei ihren Verwandten in St. Petersburg, brachte ich meinen aufrichtigen Heiratsantrag vor, der auch rückhaltlos sowohl von Herrn Osterloff als von Frau Pauline v. Nagel herzlichst angenommen wurde. Beim Abendbrot fand im engsten Kreis unsere endgültige Verlobung statt. Meiner Frau Braut räumte ihr Vater ein Zimmer neben den seinigen ein und ich nahm ebenfalls eins in demselben Gasthof. Unsere Trauung sollte auch bald geschehen; allein, wir beide mußten erst unsere Legitimationen beibringen.
Während dieser Zeit wurden uns zwei ineinanderstrebende Liegenschaften zum Kauf angeboten; das größere, von den v. Wänkerschen Erben mit einem 2 stöckigen Häuschen, enthielt:
165.000 Quad. Fuß Grundfläche; das kleinere von Bäcker König mit einem größeren Haus, Scheuer und Stallung, alles unter einem Dach enthielt: 23.331 Quadrat Fuß. Nach Besichtigung der Kaufobjekte kamen die Käufe am 10.Mai 1861 und am 16. März 1861 zustande. Sie kosteten mit Kaufsteuer 26.000 fl oder Mark 44.200. Bei näherer Besichtigung des großen Hauses, zeigte es sich, daß es in verwahrlostem Zustand war. Ich selbst zog allein ins kleine Haus, ließ das große größtenteils abbrechen, die eine Seite in die Höhe schrauben; kurz, ich war von Morgens bis Abends stets auf dem Bauplatz.
Herr Osterloff kaufte uns eine kleine Wohnungseinrichtung und als unsre Legitimationspapiere eingetroffen, fand im kleinen Kreise unsere Hochzeit statt und ich bezog mit meiner lieben Pauline an denselben Tag unser kleines Häuschen. Wir freuten uns über unser reizendes Heim; dann namentlich über die idyllische Lage des Gutes. Es war angepflanzt mit 2 1/2 Morgen Reben, einen Morgen Wiesen, Obstgarten, Gemüsegarten, 400 verschiedene Obstbäume und mitten durch floß ein kristallklarer Forellenbach, neben dem eine idyllisch liegende Eremitage stand. Während ich jeden Tag beim Bauen beschäftigt war, saß meine liebe Frau im schönen Rosengärtchen und nähte große und kleine Wäschestücke, was sie in ihrer ersten Ehe nicht nötig hatte. So verging die Zeit; wir bekamen einen reichen Obstherbst und noch reicheren Traubenherbst. Neben diesen, stellte sich die Aussicht auf ein Familienereignis ein. Herr Osterloff sagte mir eines Morgens: Sie wissen wie es mit Pauline steht! ich rate Ihnen, setzen Sie sich mit Professor Spiegelberg ins Benehmen; denn kinderlos gebliebene Frauen haben oft mit schwerer Niederkunft zu rechnen; daher ist es besser, man nimmt einen erfahrenen Arzt zur Hilfeleistung. Und ich befolgte Papas Rat. Am 3ten Februar 1862 wurde meine Frau von Prof. Spiegelberg unter sehr schweren Umständen von einem wohlgestalteten Knäblein entbunden, es starb aber, trotz sorgfältigster Behandlung, nachdem es auch die Nottaufe erhalten, schon am 6. Februar. Am 8. Februar sollte es beerdigt werden, da starb meine gute Pauline auch! Wo waren unsere langgehegten Hoffnungen hin?? Mit Einemmal, vernichtet!
Ich erbat und erhielt von der Polizeibehörde die Erlaubnis, meine tote Frau und totes Kind in einem Sarg zu betten. Am 10. Februar 1862 bettete man meine theure Pauline mit ihrem Kindlein im Arm in ihr neues Haus von 6 Brettern und 4 Brettchen; gab meinen Liebsten mein Portrait in die Arme und folgte ihnen tiefst erschüttert zum Grabe, in das ich alle meine Hoffnungen niedersinken sehen mußte. Ich hatte in meinem Leben noch eigentlich keine trübe Stunde erlebt; jetzt fühlte ich mich zum erstenmal wie von aller Welt verlassen; verwünschte Haus und Gut und bereute, daß ich mich von meinem Bruder Johann und seiner Frau hatte bereden lassen zu heirathen. An liebsten wäre ich lieber gleich abgereist. Allein das ging nicht, wegen den halbeingerissenen Haus und den vielen Handwerkern, da hieß es: Beuge dich vor Gottestbestimmung. Am folgenden Morgen kam mein alter Schwiegerpapa und tröstete mich mit den Worten: "Verlieren Sie den Muth nicht und halten Sie den Kopf oben; Sie haben es jetzt doppelt nöthig; mir ist's nicht besser ergangen; denn ich habe meine Frau auch müssen sterben sehen!". Also ich mußte mich den eingetretenen Verhältnissen fügen; ließ unsre kleine Wohnungseinrichtung ins unfertige große Haus verbringen, wo noch kein Zimmer fertig war. Nach ca. 3 Wochen erhielt ich vom Gerichtsnotariat die Vermögensaufnahme und Erbteilung; wonach unser ehegemeinschaftliches Vermögen in Folgenden bestand:
42.121 fl 31 Kr., oder jetzt: 71.605 Mark 70 Pfg.; die Schulden 40.375 fl 25 Kr. oder jetzt: 68.637 Mark 50 Pfg. also reines Vermögen:
2.968 Mark 20 Pfg.
Um nun einen etwaigen Verdacht: meine Frau wegen ihrem Vermögen geheiratet zu haben, ließ ich vom Bildhauer Knittel ein großes Denkmal fertigen und aufstellen, das darstellte: Wie eine dahingeschiedene Mutter, ihr 3 tagealtes Söhnlein auf dem linken Arm haltend und mit der rechten Hand, den Zurückgelassenen Auf Wiedersehen zuwinkt, während der daneben stehende Engel auf den oben angebrachten Stern zeigend und sprechend "Über den Sternen Höhe". Das Denkmal kostete 800 fl oder: 1.360 Mark. Meinem Schwager Alexander Osterloff schenkte ich eine goldene Uhr und goldne Kette im Wert von ca 500 Mark und seiner Frau eine brilliant Prosche, im Wert von ca 1500 Mark; also Gesamtwert 3.360 Mark. Jetzt war ich aller Verbindlichkeiten quitt. Meine Frau und Kind ruhten in kühler Erde; ich hatte ein unfertiges Gut, halb aufgebautes Haus, worauf ich von der Freiburger Sparkasse 26.000 fl oder 44.200 Mark borgte und gab dafür mein ganzes Anwesen als Pfand. Mit dieser geborgten Summe Geld bezahlte ich gleich alle Restkaufschillinge und noch geliehene Capitalien, und als das Haus im Sommer 1862 fertig gebaut war, bezahlte ich auch die Handwerker.
So endigte meine, so viele Jahre gemiedene, Verheirathung; ich war wieder frei, hatte aber eine große Schuldenlast.