Als ich mit meinem Reisegefährten in Langensalza zusammen getroffen, reisten wir mit dem Postwagen nach Merseburg, von da über Berlin nach Stettin und von hier mit einem Segelschiff auf der Ostsee nach Kronstadt und St. Petersburg, wo wir am 21. Juli 1846 eintrafen.
Nach einigen Tagen wurde ich gewahr, daß das Grafen-Orchester nicht so war, wie uns vorgespiegelt worden, sondern eine freiwillig zusammengetretene kleine Musikgesellschaft, die sehr ungenügende Einnahmen machten. Dieser Zustand dauerte 15 Monate.
Dann wurde ich bei der Kaiserlichen Capell engagiert und machte ich, wie man zu sagen pflegt, dadurch mein Glück am 1. October 1847.
9 Jahre später wurde ich, das Opernpersonal, das Ballet- und Französische Personal nach Moskau befohlen, wo alle bei den Krönungsfeierlichkeiten mitzuwirken hatten. Sechs Wochen später kehrten alle wieder zurück und nach 4 Wochen erhielt ich 150 Rubel Silber Zulage und am 1 October 1857 erhielt ich nach 10 jähriger Dienstzeit meine Pension mit Beibehaltung meiner Gage und ein Zeugnis "Sehr gut"!
Ich will hier nicht unterlassen zu sagen, daß ich während meiner ganzen Dienstjahre in vielen Familienkreise Zutritt erlangte und gerne gesehen wurde. Namentlich in den Familien v. Nagel, Osterloff, Thomas, Ziehm u.s. weiter. Im Winter 1857 verabredete ich mit Franz v. Nagel zusammen eine Reise ins Ausland zu machen. Ich entwarf den Reiseplan und am 3. Mai 1858 fuhr ich mit dem Dampfboot nach Stettin und kam per Bahn am 20. Mai in Gotha an. Es waren beinahe 12 Jahre, seit ich meine Heimat verlassen und meine teuern, guten Eltern waren schon seit mehreren Jahren von Gott abberufen worden. Dieses war auch gewiß die Ursache, warum ich so traurig wurde, je näher ich der Heimat kam. Denn Jahre lang habe ich in Petersburg, nicht gesungen, sondern, still für mich, gesprochen:
Doch Gott hat es nicht gewollt.
Die Freude des Wiedersehens mit meinen lieben Brüdern wollte kein Ende nehmen und wir verbrachten zusammen 8 Tage lang die vergnügtesten Stunden. Am 30. Mai 1858 kam auch Herr Franz von Nagel mit seiner Frau und Töchterchen in Gotha an, wie wir es auch verabredet hatten. Bevor ich hier fortfahre in unserer Reisebeschreibung, muß ich ein ganzes Jahr zurückgreifen.
Nämlich: Bei Nennung der Familien, mit denen ich verkehrte, habe ich vergessen, den Herrn Peter v. Nagel besonders zu erwähnen; er war Apotheker im Finnländischen Garde-Regiment, und war ein höchst gemütreicher und ehrenhafter Mann; seine Gemahlin, geborene Pauline Osterloff, ebenfalls sehr gemütvoll, war ziemlich musikalisch, mit der ich, der Oberstabsarzt v. Bilse u. noch ein Cellist öfters Trios oder Quartette spielten. Am folgenden Morgen nach einem solchen Musikabend fiel der gute Peter v. Nagel am Herzschlag tot zu Boden. Nach der Beerdigung zog seine kinderlose Frau in eins der zwei Häuser ihres Vaters, der zu jener Zeit krankheitshalber sich in den Rench-Bädern, Baden-Baden oder in Freiburg i/Brsg. sich aufhielt. Die gemütlichen Musikabende waren nun vorbei; Frau v. Nagel reiste im Sommer 1857 zu ihrem Vater; doch ich trat von da an mit ihr in brieflichen Verkehr bis Januar 1861, wo unser brieflicher Verkehr sich in einen persönlichen verwandeln sollte.
Nach dieser Abschweifung komme ich wieder zu unserem Reiseprojekt nach Gotha. Am 3. Juni reisten wir ab nach Wilhelmshöhe, Frankfurt nach Würzburg, wo Frau v. Nagel den berühmten Frauenarzt Sianzoni consultierte, der sie nach Ems empfahl. Nach einigen Tagen fuhren wir zurück nach Frankfurt, Mainz, auf dem Rhein per Dampfschiff nach Lahnstein und Ems. Sobald wir ein passendes Logis für Frau v. Nagel gefunden, reisten Nagel und ich Abends 9 Uhr per Droschke nach Coblenz, tranken bei einer Flasche Sekt Brüderschaft und legten uns bald zur sehr nothwendigen Ruhe.
Am folgenden Morgen reisten wir per Dampfschiff nach Köln; nach 2 Tagen Aufenthalt nach Brüssel und nach Ostende. Hier kamen wir gerade zur rechten Zeit, wo die Ebbe beginnt. Wir spazierten im Freien auf dem hochgelegenen Meeresufer; bewunderten die langsam steigende Flut und fuhren Abends 11 Uhr mit dem Dampfschiff ab und kamen am folgend Morgen 9 Uhr in London an und kehrten im Hotel Klein ein.
Wir blieben 9 Tage; reisten per Bahn nach Brighton, von da per Dampfschiff nach Dieppe und dann gleich nach Paris, wo wir auch wieder 9 Tage blieben. Von hier über Strasburg nach Bruchsal, Stuttgart, nach Donauwörth, nach Regensburg, besuchten die Wallhalla. Früh morgens des folgenden Tages bestiegen wir ein Dampfboot, fuhren auf der Donau bis Passau und Linz, wo wir übernachteten. Am folgenden Morgen per Dampfschiff bis Wien, wo wir im Gasthof zum Goldenen Lamm einkehrten. Nach 6-tägigen Aufenthalt reisten wir nach Prag; von hier nach Dresden und von da nach Leipzig. Hier trennten wir uns.
Mein Freund kehrte nach St. Petersburg zurück; ich nach Gotha, besuchte nochmals meine Brüder und reiste über Leipzig, Berlin, Stettin, Swinemünde ebenfalls nach St. Petersburg, wo ich am 31. Juli 1858 wieder eintraf. Am 15 August reiste ich mit Freund Nagel u. seine 2 Buben Woldemar u. Adolph nach Wiborg in Finnland; besuchten den berühmten Wasserfall "Imatra" u. kehrten nach 5 tägigem Ausflug zurück. Es war nun eigentlich meine Absicht, das Vielerlebte, und Vielgesehene genau zu beschreiben; allein das hätte mehr als ein Jahr gedauert und hätte ein dickes Buch gegeben.