Bald fuhr ich von Mannheim ab, übernachtete in Endingen und wanderte frühmorgens zur Ruine Limburg, von da über die Ruine Sponeck zur Ruine Lindow. Mein Bruder hatte nicht zuviel gesagt, eher zu wenig; denn ich hatte auf dem Gebirgsstock überall die herrlichsten Fernsichten. Besonders fiel mir während der Wanderung die frühzeitige Blüte der Kirschbäume und die massenhaft blühenden kleinen Blättlein auf.
Gegen Abend ging es abwärts, und ich kehrte in ein recht behäbiges Wirtshaus in einem großen Dorfe ein, bei sehr gemütlichen Wirtsleuten. Nach dem einfachen Abendbrot mit einem Glas Wein fragte ich den Wirt, ob er mir nicht etwas über und von dem Kaiserstuhl zu erzählen wisse? Antwortete er: "Da sitzt unser Herr Lehrer, der weiß alles und kann viel von unserer Gegend erzählen."
Auf mein höfliches Bitten fing derselbe bereitwillig folgendermaßen an: "Wissen Sie, mein Herr, das sind ganz unglaubliche Geschichten. Die Herren Naturforscher sagen, daß vor vielen hunderttausend Jahren zwischen Schwarzwald und Vogesen kein Rheintal gewesen sei, sondern alles eben von der Schweiz an bis dorthin, wo jetzt das Bingerloch ist. Dann sei ein fürchterliches Erdbeben entstanden, die Erde sei geborsten, von der Schweiz an bis zum (jetzigen) Niederrhein habe sie sich gesenkt; der Kaiserstuhl sei aber stehen geblieben und nach Jahre andauernden Erdbeben sei unter fürchterlichem Getöse und schrecklichem Krachen ein Krater entstanden, der jahrelang große Massen von Felsen in die Luft geschleudert, bis die herabfallenden Felsenmassen den Krater wieder zugeschüttet hätten."
Ob die Herren Naturforscher recht haben, bezweifle ich. Jedoch eine alte Sage knüpft an den gewesenen Krater an, nämlich: an jener Stelle sprudelt in der Christnacht eine kristallklare kleine Quelle hervor, zu der junge kinderlose Ehegatten wallfahrten und nicht lange nachher seien ihre Wünsche in Erfüllung gegangen; doch müßten beide Sonntagskinder sein. Wir tranken noch ein Glas Wein zusammen, ich dankte verbindlichst für die glaubwürdigen Erzählungen und legte mich müde in ein vorzügliches Bett und schlief bald ein.
Das sollte aber nicht lange dauern, denn ich träumte: ich war wieder an der Ruine von der Limburg, dicht am Rheinfluß, suchte nach der klaren Quelle, von der der Lehrer erzählt hatte. Plötzlich hörte ich ein Rauschen und Brausen, der Rhein fing an zu steigen, immer höher; ich flüchtete; das Wasser stieg aber immer höher und höher; ich flüchtete bis unweit von der Katharinen Kapelle, wohin das Wasser nicht gedrungen war. Froh, mich gerettet zu haben, blieb ich an einem kleinen Abhang stehen, sah um mich und erblickte die gesuchte klare Quelle. Mitten zwischen den schönsten Blumen sprudelte sie aus einer Öffnung, so groß wie ein Maulwurfsloch, hervor. Plötzlich verschwand das Wasser; aus der Öffnung wuchs ganz langsam ein Blumenstengel; aus demselben eine prachtvolle Tulpe und zwischen den Tulpenblättern schaute ein wunderschönes Mädchengesichtchen neugierig mich an. Voller Erstaunen streckte ich die Hand aus und wollte diese seltsame Blume mit dem ganzen Stengel abbrechen. Im selben Augenblick lispelte das Gesichtchen: "Berühre mich nicht. Brich mich nicht ab! Sonst muß ich verwelken und sterben; lässest du mich unberührt stehen, dann werde ich immer gedeien, du wirst mich dann wiedersehen und gewiß um mich freien." Die Tulpenblätter umschlossen das Gesichtchen; der Blumenstengel mit Tulpe zog sich schnell in die Öffnung zurück nund sogleich sprudelte die klare Quelle hervor. Ich verließ staunend den Ort; ging schnell aufwärts zur Katharinen Kapelle, worin gerade ein junges Ehepaar ihr erstes Töchterchen hatten taufen lassen. Die Kirchenglocke läutete; ich erwachte. Es waren die Glocken im Dorfe, die zur Frühmesse riefen. Ich kleidete mich schnell an, frühstückte sehr still, bezahlte, wanderte in Gedanken versunken über die Mär vom Lehrer und den sonderbaren Traum der Eisenbahn zu und war am Abend wieder bei meinem Bruder, dem ich nun erzählte, wie der Kaiserstuhl entstanden sei. Doch von dem Traum habe ich weder ihm noch sonst jemanden gesprochen.
Nachdem wir andern Tags nochmals unser Vorhaben, gemeinschaftlich eine Wirtschaft zu erwerben, besprochen hatten, trat ich meine Rückreise an, und zwar mit einem Frachtfuhrmann, der Waren von Frankfurt a.M. nach Leipzig bringen mußte. In Gotha angekommen, lachte mich mein Bruder Johann, der dort ansässig war, aus und fragte mich, ob ich auch noch deutsch sprechen könne? Meine Mutter wurde von ihm benachrichtigt, daß ich wieder da sei; sie holte mich ab und heim gings wieder, nicht ohne eine Beschämung meinerseits.
Ich beschäftigte mich nun noch fleißiger mit Musik, gab Unterricht und komponierte auch eine Kirchenmusik, wozu ich selbst den Text dichtete. Er lautete ungefähr so:
Im Herbst 1844 schrieb mein Bruder Wilhelm, er habe sich verlobt, verheiratet und reise mit seiner Frau nach Algier. Nun war dadurch unser Projekt ins Wasser gefallen. Im Frühjahr 1846 erhielt ich die Aufforderung, mit einem Musiker nach Petersburg zu kommen, zu einem Grafen-Orchester. Ich nahm das Anerbieten an und reiste mit dem Violinisten Fargel am 1. Juli 1846 mittags 12 Uhr noch von meiner Heimat ab.