Meine Knaben- und Jünglingsjahre

 

Wie in der Einleitung gesagt ist, bin ich am 10. Mai 1821 in der Mitternachtsstunde geboren worden. Aus meiner Kinderzeit weiß ich nur, daß dieselbe mit Spielen mit Nachbarskindern sorglos und heiter vergangen ist. Sonntags mußten wir zweimal den Gottesdienst besuchen; Samstagsabend nach dem Abendbrot saßen wir alle um den Tisch; mein Vater las gewöhnlich ein Kapitel aus der Bibel vor; darauf wurde ein Lied aus dem Gesangbuch gemeinsam gesungen, denn meine Eltern hatten beide schöne Stimmen; Mutter sang den "Zweiten" (Tenor) und Vater "Dritten" (Baß) und wir Kinder natürlich den "Ersten" (Diskant), und so konnte es nicht anders kommen, als daß wir Geschwister frühezeitig rein Singen lernten. Nach dem Lied wurde dann noch eine große, selbst geräucherte Wurste vertheilt und verzehrt.

Vom 12. bis zum 18. Jahr erhielt ich Musikunterricht für Violine, Clarinette, Trompete, Posaune, Clavier und Orgel bei Privatlehrern, deren Unterricht, wie ich später beurteilen konnte, vielfach lückenhaft war. Doch während dem Nachmittagsgottesdienst spielte ich für gewöhnlich Orgel.

Als ich 20 Jahre alt geworden, mußte ich zum Militär und wurde in das 100 Mann zählende Freiwillige Jägercorps als Hornist eingestellt; im 2. Dienstjahr wurde ich zum Stabshornist befördert; nach dem dritten Dienstjahr bat ich um Abschied, bekam ihn mit gutem Zeugnis und war nun ganz frei. Es war nämlich schon viele Jahre mein Wunsch, hinaus in die Welt zu gehen, um zu sehen, ob hinter dem Thüringer Waldgebirge auch noch Menschen wohnen ? Der Entschluß war bald gefaßt; mit Zustimmung meiner lieben Eltern packte ich meine Habseligkeiten und fort ging's zum ersten Mal.